Warum gilt der Staat so oft als erste Lösung

Warum gilt der Staat so oft als erste Lösung?

Teil 2 über Freiheit, Staat und gesellschaftliche Ordnung

Mittlerweile habe ich die Baumgrenze überschritten. Dieses Mal aber zu Fuß. Unten am Comer See sind es heute 36 Grad. An der kleinen Kapelle Sant’Amate öffnet sich der Blick weit über die Berge. Links liegt der Comer See, rechts der Luganer See.

Aus einer Quelle, hinter der Kapelle fließt kaltes Quellwasser. Kühe liegen auf den Bergwiesen. Nach dem schweißtreibenden Aufstieg fühlt sich dieser Ort beinahe unwirklich an. Ich setze mich für einen Moment in den Schatten und genieße den kühlen Wind.

Vielleicht ist gerade das ein guter Ort für eine Frage, die mit dieser Wanderung zunächst wenig zu tun zu haben scheint. Warum fragen wir bei gesellschaftlichen Problemen so häufig zuerst, was der Staat tun soll?

Der beinahe automatische Ruf nach dem Staat

Wohnungen sind zu teuer. Energiepreise steigen. Fachkräfte fehlen. Eine Branche steckt in Schwierigkeiten. Schnell entsteht die Forderung, der Staat müsse etwas unternehmen. Das kann durch Subventionen geschehen, durch Verbote, Preisgrenzen, Förderprogramme, Steuern oder neue Vorschriften.

Dabei überspringen wir häufig eine grundlegende Frage. Warum sollte eine staatliche Institution dieses Problem besser lösen können als die Menschen, die unmittelbar daran beteiligt sind? Wer diese Frage stellt, behauptet noch nicht, bereits für jedes Problem eine Lösung zu kennen. Er verändert lediglich die Beweislast.

Nicht die Freiheit muss zuerst rechtfertigen, warum Menschen selbst entscheiden dürfen. Wer ihre Entscheidungen durch eine verbindliche staatliche Entscheidung ersetzen möchte, muss begründen, warum diese tatsächlich überlegen sein soll. Freiheit bleibt dabei kein abstrakter Begriff. Wenn Menschen selbst entscheiden, was sie kaufen, verkaufen, herstellen, sparen oder investieren wollen, entstehen Beziehungen zu anderen Menschen. Sie tauschen, handeln und kooperieren miteinander. Ein System, das vielleicht so alt ist wie der Mensch selbst.

Genau aus diesen freiwilligen Entscheidungen entsteht das, was wir Markt nennen. Über „den Markt“ wird häufig gesprochen, als wäre er eine Institution, ein Gebäude oder eine Gruppe mächtiger Unternehmen. Ein Markt ist etwas wesentlich Einfacheres. Menschen handeln miteinander.

Einer bietet etwas an. Ein anderer möchte es haben. Beide einigen sich auf einen Tausch, weil jeder das, was er erhält, in diesem Moment höher bewertet als das, was er dafür hergibt. Niemand muss diesen Tausch zentral planen. Aus unzähligen solcher einzelnen Entscheidungen entstehen Preise, Angebot, Nachfrage und schließlich jene Ordnung, die wir Marktwirtschaft nennen. Wenn wir sagen, der Markt habe etwas entschieden, haben in Wirklichkeit Menschen dies nach ihren jeweiligen Wünschen und Bedürfnissen entschieden.

Wer entscheidet, was richtig ist?

Ein freier Markt hat nicht die Aufgabe, ein von außen definiertes optimales Ergebnis herzustellen. Menschen haben unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse und Prioritäten. Der eine kauft ein kleines sparsames Auto. Der andere ein großes Motorrad. Einer spart sein Geld. Ein anderer gibt es für eine Reise aus. Einer bezahlt viel für gutes Essen und wohnt bescheiden. Ein anderer macht es umgekehrt.

Welche dieser Entscheidungen ist richtig? Diese Frage muss in einer freiheitlichen Ordnung von außen oder einer Institution nicht beantworten werden. Wenn Menschen freiwillig handeln, also zwischen Alternativen wählen können und die Folgen ihrer Entscheidungen selbst tragen, bringen ihre Entscheidungen ihre jeweiligen Präferenzen zum Ausdruck.

Zwar entscheiden Unternehmer, was sie produzieren, ob ihre Entscheidung jedoch von Dauer ist, entscheidet in einem freien Markt letztlich der Kunde. Gelingt es einem Unternehmen dauerhaft, die Wünsche seiner Kunden besser oder günstiger zu erfüllen als andere Anbieter, entstehen Gewinne, kann er dies nicht, wird er über kurz oder lang vom Markt verschwinden. Auch Verluste erfüllen am Markt eine wichtige Funktion. Sie zeigt an, dass Arbeitskraft, Kapital und Rohstoffe an anderer Stelle möglicherweise höher bewertet werden.

Gewinn und Verlust lenken also Ressourcen, ohne dass eine zentrale Stelle dies tun muss. Zugleich sorgen sie für einen Korrekturmechanismus. Wer sich dauerhaft irrt, verliert Verfügungsmacht über Ressourcen und verschwindet vom Markt. Wer die Wünsche seiner Kunden trifft, gewinnt zusätzliche Möglichkeiten, seine Tätigkeit auszuweiten. Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen Markt und Politik.

Im freien Markt können Menschen unterschiedliche Entscheidungen treffen, ohne sich zuvor darüber einigen zu müssen, welche Entscheidung für alle die richtige ist. Ich kaufe A. Du kaufst B. Ich spare. Du konsumierst. Ich fahre Motorrad. Du fährst mit der Bahn.

Ich möchte mich versichern. Du bist bereit, ein bestimmtes Risiko selbst zu tragen. Keine dieser Entscheidungen verlangt, dass der andere dieselbe Wahl trifft. Auch Minderheiten können ihre eigenen Vorstellungen verwirklichen. Ein Produkt muss nicht von der Mehrheit gewünscht werden. Es genügt, wenn sich genügend Menschen dafür entscheiden und ein Anbieter bereit ist, ihre Nachfrage zu bedienen. Deshalb können auf einem freien Markt gleichzeitig sehr unterschiedliche Produkte, Lebensentwürfe und Lösungen nebeneinander bestehen.

Der Markt verlangt in diesem Sinne keine Vereinheitlichung. Er zwingt unterschiedliche Wünsche nicht in eine gemeinsame Lösung, sondern lässt Individualität nebeneinander bestehen. Politische Entscheidungen funktionieren häufig nach dem entgegengesetzten Prinzip. Sobald eine einheitliche Regel für alle beschlossen werden soll, konkurrieren unterschiedliche Vorstellungen darum, welche von ihnen für alle verbindlich sind. Auch bei einem demokratisch einwandfreien Verfahren muss sich die unterlegene Minderheit der Entscheidung der Mehrheit fügen.

Auf einem freien Markt gibt es diese unterlegene Minderheit nicht in gleicher Weise. Zehn Prozent der Menschen können etwas völlig anderes wollen als die übrigen neunzig Prozent und dennoch ihre bevorzugte Alternative wählen, sofern jemand bereit ist, sie anzubieten. Sie müssen weder eine Wahl gewinnen noch die Mehrheit von ihrer Entscheidung überzeugen.

In diesem Sinne geht der freie Markt sogar über das demokratische Mehrheitsprinzip hinaus. In einer Demokratie zählt zwar jede Stimme, doch am Ende setzt sich eine Entscheidung durch. Im Markt kann dagegen jeder Kauf und jeder Kaufverzicht unmittelbar wirksam werden, ohne dass die Präferenzen anderer dadurch aufgehoben werden. Man könnte deshalb zugespitzt sagen, der Markt sei in seinen Wahlmöglichkeiten demokratischer als jede Regierung. Präziser und vielleicht noch weitreichender ist jedoch eine andere Feststellung.

Der freie Markt benötigt für individuelle Entscheidungen überhaupt keine Mehrheit. Vielleicht liegt darin eine der am wenigsten beachteten Eigenschaften wirtschaftlicher Freiheit. Sie ermöglicht nicht nur Wettbewerb zwischen Unternehmen. Sie ermöglicht Vielfalt, ohne dass eine Mehrheit darüber entscheiden muss, welche Lebensweise, welches Produkt oder welche Lösung für alle gelten soll.

Staatliche Entscheidungen funktionieren anders.

Ein vorgeschriebener Mindestpreis gilt auch für denjenigen, der zu einem niedrigeren Preis kaufen oder verkaufen wollte. Eine Produktvorschrift gilt auch für den Kunden, der eine andere Eigenschaft bevorzugt hätte. Eine Steuer finanziert eine Entscheidung unabhängig davon, ob der einzelne Steuerzahler diese Leistung freiwillig gekauft hätte. Damit wird eine individuelle Entscheidung durch eine kollektive Entscheidung ersetzt.

Das bedeutet noch nicht, dass jede staatliche Regelung deshalb automatisch falsch sein muss. Aber sie bedarf einer besonderen Rechtfertigung. Denn der Staat beschränkt die freie Entscheidung des Einzelnen und kann seine Entscheidung notfalls mit Zwang durchsetzen. Die entscheidende Frage lautet deshalb, warum dieser Zwang notwendig sein soll und weshalb die staatlich vorgeschriebene Lösung der freiwilligen Entscheidung der Beteiligten überlegen sein soll. Letztlich zwingt sie Menschen, sich einer Entscheidung zu unterwerfen.

Kostenloses E-Book

Freiheit funktioniert

Die Österreichische Schule klar und verständlich erklärt. Mit dem kostenlosen E-Book erhältst du außerdem den Exversa Brief mit ausgewählten neuen Beiträgen.

E-Book kostenlos erhalten
E-Book Freiheit funktioniert von Alexander Porst

Das Wissen steckt nicht an einer Stelle

Damit kommen wir zu einem zweiten Problem. Selbst wenn wir einem staatlichen Entscheider ausschließlich gute Absichten unterstellen, bleibt die Frage, woher er wissen soll, welche Entscheidung die richtige ist. Das wirtschaftlich relevante Wissen existiert nicht gesammelt an einem einzigen Ort. Es ist über Millionen Menschen verteilt.

Der Handwerker kennt seine Maschinen. Der Händler bemerkt Veränderungen bei seinen Kunden. Ein Landwirt kennt seinen Boden. Ein Unternehmer kennt seine Lieferanten. Verbraucher kennen ihre eigenen Wünsche und Prioritäten.

Ein Teil dieses Wissens lässt sich nicht im Voraus sammeln. Es entsteht erst im Marktprozess. Ein Restaurantbesitzer probiert ein neues Gericht aus, Unternehmen erhöhen ihre Preise, Verbraucher reagieren darauf und Wettbewerber entwickeln Alternativen. Erst durch diese Entscheidungen wird sichtbar, was funktioniert, was knapp ist und was Menschen tatsächlich kaufen. Keine Behörde kann all diese Informationen alleine zusammentragen.

Nicht weil dort unfähige Menschen arbeiten. Sondern weil dieses Wissen niemals vollständig zentral vorhanden ist.

Preise transportieren Wissen

Auf einem freien Markt entsteht daraus ein bemerkenswerter Mechanismus. Wird ein Rohstoff knapp, muss ein Verbraucher nicht wissen, warum er knapp geworden ist. Vielleicht ist eine Mine ausgefallen. Vielleicht benötigt eine neue Technologie plötzlich große Mengen davon. Vielleicht hat sich die Nachfrage auf einem anderen Kontinent drastisch erhöht.

Der steigende Preis übermittelt bereits eine entscheidende Information. Das Gut ist knapper geworden. Verbraucher beginnen zu sparen oder suchen Ersatz. Produzenten erhalten einen stärkeren Anreiz, zusätzliche Mengen anzubieten. Unternehmer suchen nach Alternativen.

Millionen Menschen passen ihr Verhalten an, ohne die Ursache überhaupt kennen zu müssen. Niemand steuert diesen Prozes.

Hat dann der Markt versagt?

An dieser Stelle lohnt einem häufig verwendeten Begriff zu beleuchten. Marktversagen. Bevor wir davon sprechen, sollten wir zunächst prüfen, ob tatsächlich ein freier Markt vorlag.

Sind Preise frei entstanden? Können neue Anbieter in den Markt eintreten? Tragen Käufer und Verkäufer die Folgen ihrer Entscheidungen selbst? Oder wurden die Bedingungen bereits durch Subventionen, Marktzugangsbeschränkungen, Steuern, Preisvorgaben oder andere Eingriffe verändert?

Staatliche Eingriffe in Preise verändern die Entscheidungen von Käufern und Verkäufern. Ein solcher Eingriff beseitigt die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Bedingungen nicht. Er verändert vielmehr genau jene Preissignale und Anreize, über die sich Marktteilnehmer zuvor koordinieren konnten.

Deshalb sollte die Diagnose „Marktversagen“ nicht das Ende einer Untersuchung sein. Sie muss ihr Anfang sein. Was genau ist hier gescheitert?

Ist tatsächlich der freie Austausch zwischen Käufern und Verkäufern an seine Grenzen gestoßen? Fehlt Wettbewerb, weil neue Anbieter nicht in den Markt eintreten können? Wurden Preise oder Anreize zuvor durch Subventionen, Steuern, Vorschriften oder Privilegien verändert? Oder handelt es sich lediglich um ein Ergebnis, das einzelnen Beteiligten nicht gefällt?

Ein unerwünschtes Ergebnis ist noch kein Marktversagen. Bevor nach einem staatlichen Eingriff gerufen wird, sollte deshalb zunächst geklärt werden, wodurch das Problem entstanden ist und ob der Markt überhaupt frei funktionieren konnte. Aber gibt es nicht Probleme, die der Markt nicht lösen kann? Das ist der ernsthafte Einwand.

Ökonomen diskutieren beispielsweise sogenannte externe Effekte. Gemeint sind Auswirkungen einer wirtschaftlichen Handlung auf unbeteiligte Dritte, die nicht über den Preis zwischen Käufer und Verkäufer abgegolten werden. Vereinfacht könnte man bei negativen externen Effekten von einer Art Kollateralschaden sprechen. Verschmutzt etwa eine Fabrik einen Fluss und schädigt dadurch Fischer flussabwärts, tragen diese einen Teil der Folgen, obwohl sie an dem ursprünglichen Geschäft gar nicht beteiligt waren.

Beim Nachdenken über solche Fälle erinnere ich mich an eine Publikation, in der gezeigt wurde, dass die Antwort auf ein vermeintliches Marktversagen nicht automatisch staatliche Regulierung sein muss. Klar definierte Eigentumsrechte können zur Lösung solcher Probleme beitragen. Ähnliches gilt für gemeinschaftlich genutzte Ressourcen wie Wälder, Fischbestände oder natürliche Bewässerungssysteme. Untersuchungen solcher Gemeinschaften zeigen, dass Menschen eigene Regeln und Formen der Zusammenarbeit entwickeln können, die weder einer rein privaten noch einer zentral staatlich organisierten Lösung entsprechen.

Menschen entwickelten eigene Regeln, Kontrollmechanismen und Formen freiwilliger oder lokaler Kooperation. Selbst wenn ein Problem nicht durch einen einfachen Kauf und Verkauf gelöst werden kann, folgt daraus noch lange nicht, dass eine zentrale staatliche Lösung notwendig ist. Zwischen Staat und anonymem Markt existiert eine große Welt menschlicher Kooperation.

Der entscheidende Vergleich

Damit verändert sich die Ausgangsfrage. Wir müssen nicht beweisen, dass eine freie Gesellschaft für jedes denkbare Problem sofort eine perfekte Lösung hervorbringt. Wir sollten etwas anderes verlangen. Wer eine freiwillige Ordnung durch staatlichen Zwang ersetzen möchte, sollte zeigen können, weshalb die staatliche Lösung trotz ihres eigenen Wissensproblems bessere Ergebnisse erwarten lässt.

Wer verfügt über das notwendige Wissen? Wer trägt die Kosten einer Fehlentscheidung? Wie wird ein Fehler korrigiert? Welche Alternativen werden durch die Regel verhindert? Können andere Lösungen weiterhin ausprobiert werden?

Und vor allem stellt sich die Frage, ob Menschen das Problem freiwillig, dezentral oder durch Wettbewerb lösen könnten. Erst wenn diese Möglichkeiten ernsthaft geprüft wurden, lässt sich beurteilen, ob staatlicher Zwang notwendig ist.

Zurück auf dem Berg

Noch immer geht dieser kühle Wind. Unter mir liegen zwei Seen, dazwischen Berge, Dörfer, Straßen, Häuser und unzählige Menschen, die ihren eigenen Dingen nachgehen. Ein paar Meter höre ich die Glocken der umherlaufen Kühe, die sich genüsslich am satten Grün erfreuen.

Ich bin selbst hier heraufgelaufen. Andere haben irgendwann den Weg angelegt. Jemand kümmert sich um die Kapelle. Bauern nutzen die Weiden. Über Generationen ist eine Kulturlandschaft entstanden, an der unzählige Menschen mitgewirkt haben.

Niemand hat das Ganze geplant. Natürlich ist ein Berg in Norditalien kein Beweis für eine ökonomische Theorie. Aber dieser Ort erinnert mich an etwas, das wir im Alltag leicht vergessen. Ordnung muss nicht bedeuten, dass jemand die Ordnung geschaffen hat.

Millionen Menschen treffen jeden Tag Entscheidungen, tauschen, kooperieren, reagieren aufeinander und finden Lösungen für Probleme, von denen eine zentrale Stelle möglicherweise noch gar nichts weiß. Vielleicht sollten wir deshalb beim nächsten gesellschaftlichen Problem nicht zuerst fragen, was der Staat tun muss.

Die interessantere Frage kommt vorher. Was würden Menschen selbst tun, wenn man sie entscheiden ließe?